In einem Gesprächskreis mit sechs Brustkrebspatientinnen im Alter zwischen 35 und 70 Jahren bekam die Kommunikation mit den behandelnden Ärzten überwiegend schlechte Noten bei der Diagnoseübermittlung. Aber später mehr dazu wenn wir die Hintergründe durchleuchtet haben.
Kommunikation zwischen Patientin und Arzt
Die Situation in deutschen Praxen:
In deutschen Arztpraxen sind durchschnittlich 10-Minuten-Slots pro Patientin eingetaktet. Im Fall einer Krebsvorsorge sind es bis zu 20 Minuten. Pro Tag werden so um die 40 bis 50 Patientinnen durch das System geführt. Der Grund, warum Ärztinnen und Ärzte Patientinnen im Minutentakt „durchschleusen“ müssen, liegt im Vergütungssystem des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM). Ein Gynäkologe/in erhält für die Betreuung einer gesetzlich versicherten Frau im gesamten Quartal meist nur eine Grundpauschale, völlig unabhängig davon, ob die Patientin einmal für 5 Minuten oder viermal für 30 Minuten in der Praxis war. Ausgedehnte Gespräche werden finanziell überhaupt nicht honoriert.
Die Diagnoseübermittlung
Weil lange Gespräche nicht honoriert werden, bekommen die Ärzte ein organisatorisches Problem. Zeit für ein langes und unbezahltes Gespräch ist in der laufenden Praxis nicht drin, weil der Terminkalender durchgebucht ist. Trifft nun ein histologischer Befund ein, der ein Malignom bestätigt, bleibt für die Ärzte nur übrig, den Termin dazwischen zu schieben. Dieses Spannungsfeld zwischen ökonomischem Taktungsdruck und emotionalem Ausnahmezustand ist die primäre Ursache für die hohe Unzufriedenheit und Unsicherheit der Patientinnen.
Marburger Studie zur Diagnoseübermittlung
In der Marburger Studie zur Diagnoseübermittlung an Krebspatienten gaben 53 Prozent der Befragten Defizite an. 43 Prozent waren mit der Übermittlung zufrieden. Die größte statistische Kluft zwischen Patientenpräferenz und Realität zeigte sich in zwei Punkten:
- Fehlen einer ruhigen, störungsfreien Gesprächsumgebung
- dem Fehlen eines fest eingeplanten Zweitgesprächs, weil 50,2 Prozent durch die Diagnose im ersten Gespräch kongnitiv blockiert waren
Diagnoseschock und Informationsbedarf
In unserem Perückenstudio bricht der unbewältigte Schock der Diagnose bei vielen Patientinnen oft mit voller Wucht auf, weil hier die Krankheit durch den drohenden Haarverlust erstmals physisch sichtbar und unausweichlich wird. Wenn Patientinnen unser Studio betreten, suchen sie zwar vordergründig Zweithaar, bringen innerlich aber ein immenses Mitteilungsbedürfnis über den Befund und die anstehenden Zyklen mit.
An diesem Punkt kann ich meinen Kundinnen, durch meine Erfahrung als onkologische Fachkraft, mit tiefer gehenden Informationen zum weiteren Verlauf der Behandlung helfen und Ängste nehmen.